Wohlfühlen im Unternehmen? So gelingen Corporate Wellness-Programme in kleinen Unternehmen

Veröffentlicht am 19.3.2019 von Brian Westfall und Ines Bahr

Auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind die Vorteile von Corporate Wellness-Programmen nicht von der Hand zu weisen. Mitarbeiter, die sich an derartigen Programmen beteiligen, sind nachweislich zufriedener, gesünder und produktiver. US-Unternehmen bekommen für jeden Dollar, den sie ins Wohlbefinden ihrer Belegschaft investieren, eine Rendite von 1,5–3 Dollar, und zwar bei den Gesundheitskosten und der Mitarbeiterbindung. Für Deutschland dürfte es ähnlich aussehen.

Und doch ist im Bereich Mitarbeiterzufriedenheit noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Zum einen ist es schwer, eine hohe Beteiligung an Corporate Wellness-Programme in kleinen Unternehmen zu gewährleisten und aufrechtzuerhalten (dieser US-Studie zufolge liegt die Beteiligung von Mitarbeitern bei etwa 40 %, wenn Anreize gesetzt werden, und ohne Anreize bei um die 20 %). Zum anderen sind diejenigen Mitarbeiter, die die Angebote tatsächlich in Anspruch nehmen, meist die, die sie nicht brauchen.

Ein Bildschirm mit Smiley zur Veranschaulichung der Bedeutung von Mitarbeiterzufriedenheit, die durch corporate Wellness-Programme für kleine Unternehmen ausgelöst wird.

Und da immer mehr Arbeitgeber heutzutage derartige Programme anbieten, sind Yogakurse und Diätberatungen auch schon lange nicht mehr das Alleinstellungsmerkmal, das sie einmal waren.

Und was sagt uns das? Eigentlich ganz einfach: Am besten wird man als kleines Unternehmen kreativ.

Will man wirklich attraktiv für Arbeitssuchende sein, die Beteiligung an Zufriedenheitsprogrammen langfristig aufrechterhalten und ihre Erfolge einfahren, muss man insbesondere in KMU anfangen, querzudenken.

Es gibt keinen Grund, sich auf das körperliche Wohlbefinden zu beschränken, der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt und auch das mentale, soziale oder finanzielle Gleichgewicht sind lohnende Betätigungsfelder.

Wir haben mit drei Unternehmen aus aller Welt gesprochen, die einen wirklich eigenen Weg gehen und von denen man sich eine Scheibe abschneiden könnte. Vielleicht können sie dich ja ebenfalls zu einem völlig neuen, eigenen Ansatz inspirieren?

1. ElMejorTrato.com bezahlt die Schulden seiner Angestellten

Das Gebäude von elMejorTrato.com als ein Beispiel für Corporate Wellness-Programme in kleinen Unternehmen. Diese Firma hat die Schulden ihrer Angestellten bezahlt, um die Mitarbeiterzufriedenheit zu erhöhen.

Die Räumlichkeiten von elMejorTrato.com in Argentinien (Bild vom Gesprächspartner)

Das Programm

Cristian Rennella, Mitbegründer und Geschäftsführer von elMejorTrato.com, einem Kredit- und Versicherungsmakler mit Kunden in Südamerika und Mexiko, bemerkte, dass viele seiner Angestellten an ein- und derselben Last zu schleppen hatten: privaten Schulden.

„Uns fiel auf, dass es weit mehr als nur Einzelfälle waren“, sagt Rennella. „Es hat unsere Belegschaft und ihre Arbeit wirklich beeinträchtigt.“

Vor fünf Jahren beschloss er, mit einem neuen Programm zur finanziellen Unabhängigkeit etwas dagegen zu tun. Das Unternehmen zahlt die Schulden von Mitarbeitern ab, die seit mindestens einem Jahr für elMejorTrato.com arbeiten und deren Schulden schon bei Stellenantritt bestanden, und zieht dann monatlich unverzinst einen gewissen Betrag vom Lohn des oder der Betreffenden ab.

Das Ergebnis

elMejorTrato.com hat bisher für insgesamt 63 Angestellte über 500.000 USD abbezahlt, ob nun Ausbildungsdarlehen, Kreditkartenschulden oder sogar Immobilienkredite. Seit Einführung des Programms ist die Mitarbeiterbindung bei elMejorTrato.com von 61 % auf 88 % angestiegen.

„Was wir aus diesem Programm wirklich gelernt haben, ist, dass ein gutes Team ziemlich viel mit einer Familie gemeinsam hat: Man hilft einander, wenn es Probleme gibt“, sagt Rennella.

 Die Lektion: 

Corporate-Wellness-Programme müssen nicht immer etwas Neues, Zusätzliches bieten. Manchmal ist es mindestens genauso gut, wenn man seinen Leuten eine Last von den Schultern nehmen kann.

In Deutschland hat knapp die Hälfte aller Haushalte Schulden, es ist also davon auszugehen, dass ein derartiges Programm einem beträchtlichen Teil der Belegschaft wirklich helfen könnte. Aber das Ganze lässt sich viel schematischer betrachten: Was treibt deine Belegschaft denn eigentlich um? Welche Probleme haben sie? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vielleicht? Gerade bei jungen Teams kommt dann zum Beispiel auch ein Betriebskindergarten infrage. Oder Gleitzeit- bzw. Heimarbeitsmodelle.

2. Die Mitarbeiter von GreenPal rocken ihre Firma

Bild des Musikzimmers von Greepal mit einem Keyboard und einer Gitarre um zu Veranschaulichen wie Musik als Corporate Wellness-Programm die Mitarbeiterzufriedenheit steigern kann

Das Musikzimmer von GreenPal – Bass und Drumset waren in Verwendung und sind deshalb nicht zu sehen (Bild vom Gesprächspartner)

Das Programm

GreenPal ist ein Startup, das Hausbesitzer und Gartendienstleister miteinander in Verbindung bringt. Die Firmenzentrale in Nashville birgt eine gewisse Affinität zu Musik. Aber erst, als Mitbegründer Gene Caballero mit einem neuen Mitarbeiter zu jammen anfing, wurde ihm klar, dass sie etwas ganz Besonderes tun könnten.

„Ich habe immer Klavier gespielt, weil es unglaublich beim Stressabbau hilft“, so Caballero. „Einer unserer ersten Mitarbeiter hier in Nashville war Gitarrist und wir haben nach der Arbeit oder in der Mittagspause zusammen gespielt. Es hat die Atmosphäre deutlich aufgelockert und allen gezeigt, dass Spaß eine gute Sache ist, also beschlossen wir, eines unserer Büros in ein Musikzimmer umzuwandeln.“

Heute haben die Mitarbeiter von GreenPal hier Zugang zu einem Klavier, einer Gitarre, einer Bassgitarre und einem Drumset und sie können spielen, wann immer sie wollen (solange sie ihre Arbeit erledigen).

Das Ergebnis

Gene zufolge war das Musikzimmer für Kandidaten bei der Entscheidung zwischen verschiedenen Angeboten ein entscheidender Faktor. Ein Mitarbeiter hat es dem Musikzimmer sei Dank sogar geschafft, seine Musik auf die nächste Stufe zu hieven:

„Wir haben einen Angestellten, der derzeit ein paar seiner Songs bei Künstlern und Plattenfirmen hier in Nashville vorstellt“, sagt Caballero.

 Die Lektion: 

Wann immer sich Initiativen zur Mitarbeiterzufriedenheit mit dem Zweck, der Kultur und den Werten deines Unternehmens in Einklang bringen lassen, tu es. Je mehr, desto besser. Die Mitarbeiter erleben die Firma so als ein kohärentes Ganzes und es hilft dabei, Leute anzuziehen und zu halten, die ähnliche Interessen oder Ziele verfolgen.

Wer also eine Verbindung zu Musik hat, wie GreenPal, könnte seinen Mitarbeitern ein Musikzimmer zur Verfügung stellen. Wissenschaftlich ausgerichtete Unternehmen könnten einmal im Monat Vorträge zu verschiedenen Themen anbieten. Ein Corporate-Wellness-Programm aus einem Guss entsteht dann, wenn man sich genau anschaut, welche Produkte oder Dienstleistungen ein Unternehmen anbietet und was die Menschen bewegt, die sich euch anschließen.

3. Ooni ermöglicht es seinen Mitarbeitern, private Ziele zu verfolgen

Ein Bild des zufriedenen Mitarbeiterteams von Ooni, die von ihrer Firma als Corporate Wellness Maßnahme Geld erhalten haben um private Ziele zu verfolgen.

Das Ooni-Team (Quelle: Twitter)

Das Programm

Früher hat Darina Garland für eine Kreativagentur in Großbritannien gearbeitet. Von der erhielt sie 500 GBP, die sie völlig frei in ihre berufliche Weiterbildung investieren durfte – und war begeistert.

Als sie mit gemeinsam mit ihrem Mann Ooni gegründet hat, ein Unternehmen, das tragbare Pizzaöfen herstellt, wollte sie ihren Angestellten etwas Ähnliches bieten.

„Die Möglichkeit, dieses Geld frei einzusetzen, gab mir ein unglaubliches Gefühl von Unabhängigkeit“, sagt sie. „Wir wollten unserem Team zeigen, dass wir wirklich in den Menschen investieren wollen, dass wir wollen, dass sie neben ihrer Arbeit für uns auch ihrem Herzen folgen können. Natürlich ist Arbeit wichtig, aber der Mensch geht vor.“

Deshalb erhalten bei Ooni neben den üblichen Fortbildungsmöglichkeiten alle einen Scheck über 500 GBP im Jahr, die sie für all das einsetzen können, was sie abseits der Arbeit begeistert.

Das Ergebnis

Dieses Geld wurde in alles von Fahrstunden über Yoga-Reisen und Skiurlaub bis hin zu einem Flug zu einem Basketballspiel in New York investiert. Darina zufolge sind ihre Angestellten sowohl dem Unternehmen überdurchschnittlich treu als auch besonders engagiert.

„Diese Leidenschaft ist für uns ein grundlegender Wert, deshalb ist es uns wichtig, dass unsere Leute flexibel arbeiten können und wir bestärken sie darin, auch abseits der Arbeit ihren Leidenschaften nachzugehen.“

 Die Lektion: 

Manchmal kann man es auch ganz einfach den Mitarbeitern überlassen, sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern, und ihnen nur die dafür nötigen Werkzeuge oder Ressourcen zur Verfügung stellen. Inmitten der derzeitigen Burnout-Epidemie ist es unter Umständen ein echter Vorteil, den Leuten etwas zu bieten, was sie nicht auch noch im Kalender unterbekommen und organisieren müssen.

In den USA kündigen 74 % der Arbeitnehmer, um sich in einem anderen Feld ihrer Berufung zu widmen. Ganz so weit ist es bei uns noch nicht, aber dennoch kann es gut sein, dass dir Mitarbeiter abspringen, weil sie einen Arbeitgeber finden, der ihre Interessen fördert – ob bei der Arbeit oder danach. Wenn du nicht die Mittel hast, ihnen diese Berufung zu finanzieren, dann kannst du ihnen vielleicht dennoch dabei helfen: Indem du ihnen die Zeit und die Energie verschaffst, das neben der Arbeit zu tun.

 

Corporate-Wellness-Programme für kleine Unternehmen profitieren besonders von Kreativität und Verknappung

Wenn die Beteiligung an deinem Programm zur Mitarbeitermotivation sinkt, kann das zwei Gründe haben: Entweder ist dein Programm langweilig oder es ist zu einfach verfügbar.

Wenn es langweilig ist, ist es an der Zeit, kreativ zu werden. Die drei vorgestellten Beispiele zeigen wunderbar, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt, sich dem Wohlbefinden der Belegschaft zu widmen. Mitarbeiter motivieren geht immer dann recht einfach, wenn man über das rein Materielle hinausgeht. Aber nur mit einer kreativen Neuerung ist es auch nicht getan, die Mitarbeiterzufriedenheit profitiert besonders von regelmäßigen Dosen innovativer Veränderungen.

Und auch der zweite Faktor kann ein Grund dafür sein, dass dein Programm nicht greift. Wenn die Wellness-Vorteile allzu einfach erreichbar sind, nimmt deine Belegschaft sie vielleicht als selbstverständlich wahr. Dann ist es an der Zeit, wenig wirkungsvolle Programme einzustampfen und später in anderer Form zurückzubringen. Verknappung ist ein ausgezeichnetes Mittel, um die Wertschätzung deiner Mitarbeiter zu steigern.

Oder wie siehst du das? Wenn dein Unternehmen etwas wirklich Außergewöhnliches tut, um seine Mitarbeiter zu motivieren, dann lass uns das doch in den Kommentaren wissen.

Wir haben bereits früher Vorschläge zusammengestellt, was sich abseits fester Programme so alles tun lässt, um deine Mitarbeiter zu motivieren: Schau mal hier oder hier.

Und wenn du eine Softwarelösung suchst, um deine sich stetig verändernden Wellness-Programme zu organisieren, dann haben wir hier eine Liste von Corporate-Wellness-Anwendungen.

Dieser Artikel kann auf Produkte, Programme oder Dienstleistungen verweisen, die in deiner Region nicht verfügbar sind oder die durch die Gesetze oder Vorschriften des Landes eingeschränkt sein können. Wir empfehlen, sich direkt an den Softwareanbieter zu wenden, um Informationen über die Produktverfügbarkeit und Rechtskonformität zu erhalten. Gender Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern auf dieser Website die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Über den Autor oder die Autorin

Senior Content Analyst für Capterra und GetApp. Spezialisiert auf Studien und Digitalisierungs-Tipps für KMU. Masterstudium in Medien und Kommunikation, lebt im sonnigen Barcelona.

Senior Content Analyst für Capterra und GetApp. Spezialisiert auf Studien und Digitalisierungs-Tipps für KMU. Masterstudium in Medien und Kommunikation, lebt im sonnigen Barcelona.