Die Geschichte des Projektmanagements und ein Blick in die Zukunft

Veröffentlicht am 15.1.2019 von Andrew Conrad und Ines Bahr

Im Projektmanagement dreht sich alles um Veränderungen, denn Projektumfang, Teammitglieder und Budget sind nicht in Stein gemeißelt.

Die besten Projektmanager*innen bewältigen den stetigen Wandel flexibel und dies nicht nur bei einzelnen Projekten, sondern im Laufe ihrer gesamten Karriere.

Weiterbildungen und Zertifizierungen vermitteln unschätzbares Wissen, können aber nie die wichtigste Komponente ersetzen: die eigentliche Erfahrung.

Geschichte des Projektmanagements

Vor diesem Hintergrund haben wir langjährige Projektmanager*innen kontaktiert und gefragt, inwiefern sich das Projektmanagement ihrer Ansicht nach in den letzten Jahrzehnten insbesondere im Hinblick auf agiles Projektmanagement, verteilte Teams und die Entwicklung neuer Softwaretools fürs Projektmanagement geändert hat und was uns wohl in der Zukunft erwartet. Die meisten Teilnehmer*innen sind seit mehr als zehn Jahren erfolgreich im Projektmanagement tätig.

Die Geschichte des Projektmanagements

Projektmanagement gab es eigentlich schon zu Zeiten der ägyptischen Pyramiden und der Chinesischen Mauer, in seiner neueren Form begann jedoch alles mit der Entwicklung der Gantt-Diagramme im frühen 20. Jahrhundert.

Drei Methoden führten in den 1950ern zu einer neuen Entwicklung: die Methode des kritischen Pfades, das revolutionäre Mittelstreckenraketen-Projekt von Lockheed und die Netzplantechnik PERT unter Entwicklung der U.S. Navy.

In den 1960ern basierte Projektmanagement größtenteils auf dem Wasserfallmodell, mit dessen Hilfe die erste Mondlandung möglich war und die Astronauten sicher zur Erde zurückkehrten.

Seitdem ist die Welt jedoch immer komplexer geworden und auch das Projektmanagement hat sich im Laufe der Zeit angepasst.

Geschichte des Projektmanagements - alte Zeiten
Projektmanagement in früheren Tagen

1. Die agile Revolution?

Wenn Projektmanager*innen gefragt werden, was in den letzten 30 Jahren die größte Veränderung war, denken die meisten als Erstes an das agile Projektmanagement.

„Je komplexer Projekte wurden, desto flexibler musste das Projektmanagement sein“, erinnert sich der langjährige Projektmanager Crystal Richards, Principal und Owner der Mosaic Resource Group. Im Rahmen einer Vision oder einer Roadmap seien Änderungen hier sogar willkommen.

Diese Methode wurde jedoch schon eingesetzt, lange bevor sie einen Namen hatte. „Der agile Ansatz verändert zurzeit die Softwareentwicklung, aber seine Wurzeln reichen über 30 Jahre zurück“, erklärt Alan Zucker, Founding Principal von Project Management Essentials, LLC. Der Demingkreis stammt beispielsweise aus den 1950ern.

Chuck Chobb, Autor eines Buches zum agilen Management und seit 15 Jahren im Projektmanagement tätig, stellt fest, dass es sich seit dem Wettlauf ins All grundsätzlich wenig verändert hat.

„Projektmanagement hat sich zu einer ausgereiften Disziplin entwickelt und wir sind in der Lage, größere und komplexere Projekte mit besser vorhersagbaren Ergebnissen durchzuführen, aber alles basiert auf einem traditionellen plangesteuerten Ansatz“, stellt er fest.

Geändert hat sich jedoch, inwieweit Rollen festgelegt werden.

2. Projektmanager*in wurde ein anerkannter Beruf

Alan Zucker von Project Management Essentials erinnert sich an seine Anfänge im Projektmanagement, die damals wenig mit dem heutigen Aufgabenfeld gemein hatten:

„1987 begann meine Karriere im Projektmanagement … Ich war gleichzeitig Projektinhaber, Business Analyst und Projektmanager.“

Projektmanager*in war jedoch kein anerkannter Beruf, in dem man Karriere machen konnte.

„1987 gab es zwar ‚Projektmanager‘, aber keine systematisierten Prozesse, Verfahren und Tools wie heute. Die meisten von uns hatten sich alles selbst beigebracht und waren Quereinsteiger.“

Mittlerweile gibt es eine gesamte Industrie, die sich mit dem Training und der Zertifizierung von Projektmanager*innen befasst. Der Grund: Professionelles Projektmanagement kann äußerst lukrativ sein und zu einer erfolgreichen Karriere führen.

Alan Zucker führt aus:

Obwohl das Project Management Institute bereits 1969 gegründet wurde, nahmen erst 1986 43 Personen an der ersten Zertifizierungsprüfung teil. Heutzutage gibt es beinahe 750.000 zertifizierte Projektmanager und Projektmanagerinnen und das Institut bietet acht verschiedene Zertifizierungen an, von Risikomanagement über Agile bis hin zum Programmmanagement. Weiterhin gibt es an den Universitäten 136 Master-Programme in diesem Bereich.“

Im Laufe der Zeit gewannen die Schulungen immer stärker an Bedeutung, da der technische Fortschritt Einzug hielt und zu Änderungen in den betreuten Projekten und dem Personal führte.

3. Verteilt arbeitende Teams

Vor 30 Jahren schloss ein Projektmanager sich persönlich oder vielleicht übers Telefon mit seinem Team kurz. Videochat, Messaging und Kollaborationssoftware haben mittlerweile diesen Platz eingenommen.

Dmitriy Zaitsev von Devexperts erläutert:

„Verteilte Teams ermöglichen eine neue Art von Flexibilität und Zugriff auf frische Talente. Projektmanager müssen aber auch in so verschiedenen Bereichen wie Kollaborationstools, grenz- und kulturübergreifender Kommunikation, Motivation, Einstellung neuer Mitarbeiter und Coaching über umfassende Kenntnisse verfügen. Zudem muss man über mehrere Zeitzonen hinweg denken und agieren.“

Während die Teams sich an immer mehr Standorten befanden und die Kommunikation zunehmend digitaler wurde, rückte bei erfolgreichen Projekten die Menschlichkeit in den Fokus.

4. Menschen rückten in den Vordergrund

Während Projekte digitaler und weniger greifbar wurden, wurde gleichzeitig deutlich, wie wichtig es ist, den Faktor Mensch bei alledem nicht zu vergessen.

Todd Williams, Author von “Rescue the Problem Project: A Complete Guide to Identifying, Preventing, and Recovering from Project Failure”, stellt fest:

„Projekte drehten sich hauptsächlich um physische Ergebnisse: Gebäude, Straßen, Pyramiden. In der heutigen Zeit geht es allerdings häufig um Geschäftsprozesse, die sich nicht an den zahlenden Kunden richten, sondern an interne Nutzer, die einen neuen Prozess nutzen sollten, aber sich auch dagegen entscheiden können. Anpassung, Einbindung und Motivation sind hier die entscheidenden Faktoren.“

Aus diesem Grund sind für Williams die persönliche Kommunikation und Investitionen in das Team wichtiger als je zuvor.

„Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der die Chefs ihren Angestellten sagen, in welche Richtung es mit der Firma geht und die Mitarbeiter folgen dann, um ihren Boss zufrieden zu stellen und zur Pensionierung eine goldene Uhr zu erhalten. Wenn uns die vorgegebene Richtung nicht gefällt, setzen wir uns für eine neue ein (und sabotieren dabei vielleicht sogar die angestrebte). Unsere Projekte müssen die menschliche Natur, Launen und Bereitschaft berücksichtigen, was ein hohes Maß an Soft Skills, Führungsqualität und Change Management erfordert.“

Einige technologische Innovationen haben die Kommunikation im Projektmanagement sogar verbessert, statt es unpersönlicher zu machen und das „menschliche“ Element gepaart mit der dazugehörigen Kommunikation kann guten Gewissens als die Zukunft der Branche bezeichnet werden.

5. Technologie baute Barrieren ab und sorgte für mehr Effizienz

Phil Wolff, Co-Lead von Open Oakland, ist seit mehr als 20 Jahren in der Branche tätig und hat mitverfolgt, wie Computer und neue Technologien das Projektmanagement revolutioniert haben, indem Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammengebracht und Barrieren überwunden wurden:

„Digitale Projektmodellierung ermöglicht die schnelle Planung und Umgestaltung von Projektplänen, wodurch Kosten und Risiken gesenkt werden. Vor MS Project und Primavera war die Koordinierung von großen Projekten zeitintensiv. Dank computerunterstütztem Design wurden viel weniger Fehler begangen und Projektmitglieder besser integriert. Das Internet und die mobile Kommunikation haben die räumliche Distanz überwunden und Zusammenarbeit ermöglicht, und zwar in dem Grad, dass nun die Zeitzonen zur Herausforderung werden.

Die Zukunft des Projektmanagements

Das Projektmanagement wird durch dedizierte Tools und Kollaborationssysteme immer weiter automatisiert, wodurch sich auch das Aufgabenfeld des Projektmanagers wandelt. Erfahrene PMs sagen voraus, dass zwischenmenschliche Skills die Elite von den Massen abheben werden, wie wir weiter unten ausführen, und neue Technologien und Innovationen eine konstante Anpassung erzwingen.

Geschichte des Projektmanagements - Zukunft
Ein Beispiel für ein erfolgreiches Projekt auf dem Mars?

1. Einzelne Methoden verlieren an Bedeutung

Cobb geht davon aus, dass einzelne Methoden in der Weiterentwicklung des Projektmanagements an Bedeutung verlieren werden:

„Wir leben in einer unsicheren Welt, in der traditionelles plangestütztes Projektmanagement zu einer Herausforderung wird. Viele Projekte erreichen ihre Kosten- und Terminziele zwar erfolgreich, schaffen jedoch nicht den gewünschten Mehrwert für das Unternehmen.“

Anstatt sich auf die mühselige Debatte „agile Methode oder Wasserfallmodell“ zu konzentrieren, sollten PMs jedes Projekt ganz individuell betrachten.

„Der Projektmanager der Zukunft muss in der Lage sein, gleichzeitig Teile beider Ansätze der Situation entsprechend anzuwenden. Projektmanager, die nur das traditionelle plangestützte Projektmanagement beherrschen und alle Projekte entsprechend forcieren, werden stark im Nachteil sein.“

Die Toleranz für freigestaltetes Projektmanagement könnte in wachsenden Unternehmen allerdings geringer sein, was durchaus von Nachteil ist.

2. Große Unternehmen sind nicht agil

Williams hat mehrmals erlebt, wie Unternehmen klein und agil angefangen haben und dann zu einer Größe wuchsen, in der Innovation nicht mehr möglich war.

„Startups sind klein und können schnell agieren, sodass das Projektmanagement dem Bedarf entsprechend angepasst werden kann. Je größer sie werden (und dadurch auch die komplexe Kundenbasis, die verwaltet werden muss), desto weniger flexibel sind sie und auch das Projektmanagement.“

Williams ist der Meinung, dass Projektmanager von der Unternehmensmaschinerie verheizt werden, wenn sich nichts ändert.

„Die Lage des Unternehmens bestimmt das Projektmanagement, nicht andersherum. Diese Kombination aus immer schnelleren Lieferungen und die Erwartungshaltung, alles schon gestern haben zu wollen, stellt eine riesige Herausforderung für Projekte dar. [Große Unternehmen] verheizen ihre PMs, setzen sie vor die Tür und stellen einfach neue ein. Das ist auf die Dauer nicht nachhaltig.“

Wenn Projektmanager*innen also in Zukunft Erfolg haben wollen, müssen sie innerhalb ihres Unternehmens unabhängig und kreativ denken, um Ineffizienzen zu hinterfragen und gleichzeitig alle Stakeholder zufrieden zu stellen.

3. Projektleitung statt Projektmanagement

Williams vertritt die Meinung, dass Projektmanager*innen sich zu Projektleiter*innen weiterentwickeln müssen. In dieser Funktion betreuen sie nicht nur Projekte, sondern treiben auch nötige Änderungen in einem Unternehmen voran:

„Viele der eher reaktiven Methoden können mit [dem schnellen Wachstum von Unternehmen] nicht mithalten … Auf diesem Gebiet wird sich das Projektmanagement ändern und neu strukturierte Lösungen bereitstellen, die auf den Bedarf des Unternehmens abgestimmt sind. Weiterhin wird sich das Projektmanagement nach Projekten aufspalten, für die einerseits Manager und andererseits Leiter benötigt werden.“

In diesem Zusammenhang schlägt Williams vor, gemeinsam mit dem neuen Ansatz auch den Titel des Projektleiters fest einzuführen:

„Projektmanager werden zur Wegwerfware und Projektleiter – sowohl in verwaltender als auch in leitender Position – werden die Erfolgswelle reiten. Jemand, der sich im organisatorischen Change Management auskennt, kann hervorragend verhandeln, ist mit dem Geschäft vertraut und motiviert seine Mitarbeiter.“

Sandeep Srivastava, Transition Leader bei Wipro BPS, stimmt diesem Gedankengang zu:

„Emotionale Intelligenz, und insbesondere das Konfliktmanagement und der Einsatz von Führungsqualitäten im Projektmanagement, werden zu den Schlüsselkompetenzen für PMs.“

Srivastava zufolge müssen zukünftige Manager*innen – oder Leiter*innen – sich der Handlungen und Gefühle ihrer Mitarbeiter besser bewusst sein.

4. Zeiterfassung wird wichtiger

Teammitglieder befinden sich an verschiedenen Orten und mobiles bzw. remotes Arbeiten ist mittlerweile mehr die Norm als eine Ausnahme. Isaac Kohen von Teramind ist sich sicher, dass in Zukunft das Gelingen oder der Misserfolg eines Projekts auf der Kenntnis basiert, wie die Angestellten ihre Arbeitszeit verbringen.

„Um die Leistung eines Unternehmens zu steigern, muss man wissen, mit welchen Projekten die Mitarbeiter ihre Zeit verbringen und wie viel Zeit und Geld für eine Aufgabe oder ein Projekt aufgewendet werden müssen. Aggregierte Daten einer Abteilung, die Abweichungen im Nutzerverhalten aufzeigen, weisen deutlich darauf hin, dass Mitarbeiter sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren, weil sie um ihre Mithilfe bei anderen Aufgaben gebeten werden.“

Hierbei soll nicht herausgefunden werden, wer seine Zeit mit privaten Angelegenheiten anstelle mit Arbeit verbringt. Vielmehr möchte man einen Überblick über das Team haben, um die wichtigsten Ressourcen gewinnbringend einzusetzen.

Nichts ist so beständig wie die Veränderung

Zucker hat es meiner Meinung nach am besten zusammengefasst, als er sich an seine Jahre als Projektmanager erinnerte und die Zukunft der Branche betrachtete:

„Zuerst war ich vom Projektmanagement fasziniert, weil man wirklich die Früchte seiner Arbeit sehen konnte: ein abgeschlossenes und hoffentlich erfolgreiches Projekt. Im Lauf der Jahre haben sich die Prozesse und Techniken etwas geändert, aber das Projektmanagement ist weiterhin ein dynamischer und spannender Beruf. Ich gehöre gerne einer Branche an, die immer nach mehr strebt.“

Veränderungen können beängstigend sein – genau wie die Zukunft. Aber egal ob man schon jahrzehntelang im Projektmanagement tätig ist oder gerade erst anfängt, Sorgen sind unnötig: Die Welt wird immer Projektmanager*innen brauchen. Ob nun Bahnlinien gebaut werden oder Raumschiffe, PMs finden immer einen Weg, sich anzupassen, weil das nun mal zu ihrem Job gehört.

Was sind deine Gedanken zur Zukunft des Projektmanagements?

Bist du schon lange im Projektmanagement aktiv? Wenn ja, was ist der größte Wandel, den du seit Beginn deiner Karriere erlebt hast und haben wir in der Geschichte des Projektmanagements was Wichtiges ausgelassen? Welche Änderungen werden wir deiner Meinung nach in den nächsten 30 Jahren in der Branche sehen?

Lass uns in den Kommentaren weiterdiskutieren!